Die Suche nach Informationen (im Internet oder anderswo…)

Der Informationsbedarf eines Arztes

Ärzte sind Grossverbraucher in Sachen Information. Ein Arzt verwendet zur Betreuung seiner Patienten ungefähr zwei Millionen Informationen und verbringt rund ein Drittel seines Berufslebens mit dem Sammeln und Verarbeiten von Informationen [1].

Der Informationsbedarf eines Arztes zur Beantwortung von Fragen lässt sich in drei Kategorien unterteilen: [2]

  1. Fragen, die der Arzt ohne Rückgriff auf Dritte oder auf schriftliche Unterlagen beantworten kann, d.h. solche, deren Antwort er bereits kennt.
  2. Fragen, die er mit Hilfe eines Kollegen, einer schriftlichen Unterlage oder einer Datenbank beantworten muss.
  3. Fragen, die ihm gar nicht bewusst sind, d.h. nicht formulierte Fragen und nicht ausgedrückter Informationsbedarf.Der Arzt stellt sich pro 10 Patienten durchschnittlich 3,2 Fragen [3], aber er sucht aktiv nur nach Antworten auf einen kleinen Anteil seiner Fragen (35%). Pro Frage nimmt er sich weniger als 2 Minuten Zeit, um eine Antwort zu finden [4,5].

 

Zugriff auf das medizinische Wissen

Wenn der Arzt die Antwort auf eine Frage bezüglich des Patienten bzw. seiner Erkrankung sucht, können sich ihm 59 verschiedene Hindernisse in den Weg stellen. Davon sind 6 besonders schwerwiegend [6]:

  1. Die Suche nach den Informationen ist zu langwierig.
  2. Er muss seine ursprüngliche Frage möglicherweise abändern – häufig sind solche Fragen nur vage formuliert und zu offen für Interpretationen.
  3. Er muss die optimale Suchstrategie auswählen und anwenden.
  4. Eine zunächst als geeignet erachtete Informationsquelle kann sich als ungeeignet erweisen.
  5. Er hat häufig Zweifel dahingehend, wann die Suche eingestellt werden kann, d.h. wann die wesentlichen Informationen gefunden sind.
  6. Er muss sich mit dem Problem auseinandersetzen, sich aus unterschiedlichen gefundenen Informationsquellen ein Gesamtbild zu machen.

 

Im Hinblick auf die Patientenbetreuung besteht der erste Schritt darin, sich darüber im Klaren zu sein, dass das eigene Wissen eine Lücke aufweist.

Ist dem Arzt diese Lücke bewusst, kann er entweder aus seinen eigenen Kenntnissen das Beste machen oder sein Wissen durch die gezielte Suche nach den benötigten Informationen erweitern.

Entscheidet sich der Arzt für die Suche nach Informationen, so muss er in einem zweiten Schritt zunächst seine Frage präzise formulieren. Häufig empfindet er es als schwierig, seine ursprüngliche, oft zu vage ausgedrückte und zu stark interpretierbare Frage entsprechend abzuändern.

Der dritte Schritt ist schliesslich die eigentliche Suche nach Informationen. Dabei können sich dem Arzt 59 verschiedene Hindernisse in den Weg stellen. Dies sind insbesondere der übermässige Zeitbedarf, die Mangelhaftigkeit der zur Verfügung stehenden Quellen und das Fehlen einer Zusammenfassung der verschiedenen Informationsquellen zu einer einzigen Information, die leicht verwendbar ist. Eines der Hauptprobleme besteht auch darin, die optimale Suchtechnik auszuwählen, die einen raschen Zugriff auf qualitativ hochwertige Informationen gewährleistet.

Der vierte Schritt ist die Formulierung einer Antwort auf der Grundlage aller gefundenen Informationen.

Der fünfte und letzte Schritt ist die Anwendung dieses neu gewonnenen Wissens auf das eigentliche Patientenmanagement. Häufig entscheidet sich der Arzt gegen die Suche nach fehlenden Informationen, weil er nicht glaubt, dass die gesuchte Antwort in den zur Verfügung stehenden Quellen zu finden ist. Er weiss, dass die Suche oft sehr langwierig ist, dass viele Informationsquellen mangelhaft sind und dass es meist keine synthetisierte, leicht umsetzbare Zusammenfassung der unterschiedlichen Informationen gibt.

Der Zugriff auf „fehlende“ Informationen könnte jedoch leider einige seiner ärztlichen Entscheidungen verändern: Während einer halbtägigen Sprechstunde hätten vier Entscheidungen anders ausfallen können, wenn die für den Arzt notwendige Information gleich beim Gespräch mit dem Patienten zur Verfügung gestanden hätte [4].

Auch wenn noch nicht formell bewiesen ist, ob und wie nützlich das Internet ist, so sollten uns doch die mangelhafte Natur der traditionellen Informationsquellen, der Reichtum an Informationen im Internet und das Potenzial künftiger medizinischer Bereiche im Internet Grund genug sein, diese neue Informationsquelle einzusetzen.

 

  1. Smith R. What clinical information do doctors need ? BMJ 1996;313:1062-8 (Gratis-Zugang).
  2. Osheroff JA, Forsythe DE, Buchanan BG, et al. Physicians' information needs: Analysis of questions posed during clinical teaching: Ann Intern Med 1991;114:576-81 (PubMed).
  3. Ely JW, Osheroff JA, Ebell MH, Bergus GR, Levy BT, Chambliss ML, Evans ER. Analysis of questions asked by family doctors regarding patient care; BMJ 1999;319:358-61 (Gratis-Zugang).
  4. Covell D, Uman G, Mannig P. Information needs in office practice. Are they being met ? Ann Intern Med 1985;103:596-9 (PubMed).
  5. Gorman P, Helfand M. Information seeking in primary care: How physicians choose which clinical questions to leave unanswered ? Medical Decision Making 1995;15:113-9 (PubMed).
  6. Ely JW, Osheroff JA, Ebell MH, Chambliss ML, Vinson DC, Stevermer JJ, Pifer EA. Obstacles to answering doctors' questions about patient care with evidence: qualitative study. BMJ 2002; 324: 710 (Gratis-ZUgang).

 

Letzte Aktualisierung ( dimanche, 11. février 2007 )